" /> Wortspiesser: Oktober 2005 Archives

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30.10.05

Wortspiesser, klassische

Beim Durchforsten meines Bücherregals bin ich über ein Kleinod des Wortspiessertums gestolpert:

"Dumdeutsch" ein satirisch polemeisches Wörterbuch von Eckhard Henscheid, Carl Lierow, Elsemarie Maletzke und Clodwig Poth.

Auf 85 Seiten bekommt man von "Abbauen" bis "Zukunftsorientiert" Wortneuschöpfungen und Neubelegungen stehender Begriffe präsentiert. Einiges hat sich mitlerweile in unsere Sprache intergriert (siehe "Frauenkultur") anderes ist unbemerkt in der Versenkung verschwunden (siehe "Doppelrentnerin"). Es gibt auch Begriffe, die grade vor dem Hintergrund einiger Enthüllungen rund um die sog. VW - Affäre wieder an Aktualität gewonnen haben (siehe "Liebesurlaub")


Einer meiner Lieblinge, grade im Zuge der laufenden Koalitionsgespräche ist folgender:

Sachzwänge Meist im Plural verwendet und in der neueren Politik, vor allem von Helmut Kohl - noch häufiger freilich in der Kommunalpolitik. Freie, vernünftige und ergo sachliche Entscheidungen werden heutzutage oft unmöglich wegen juristischer, bauamtlicher, ökonomischer und überhaupt infrastruktureller Sachzwänge, welche als Euphemismus für Unvernunft und Idiotie eben diese beiden gleichsam heiligsprechen. Wenn Politiker und Parteien etwas halt partout nicht mögen, dann fällt dessen Unterbleiben in die Kategorie der Sachzwänge. Unter der Diktatur des Sachzwangs werden Wälder und Alleen abgeholzt, Altmühltäler entschärft und prima Betonlandschaften erstellt - wobei das Zwängende oft zu den zwingensten Lösungen führt.

Bleibt abzwarten, was uns nach dem Beginn des Wiederaufbaus des Braunschweiger Schlosses als Konsumtempel und der Verunglimpfung von Harz IV Empfängern als Sozialschmarotzer zukünftig unter dem Diktat des Sachzwangs zugemutet wird... Ich schweife ab.

"Dumdeutsch" kann ich jedem Wortspiesser und allen, die es werden wollen nur wämstens ans Herz legen; da langt der Zwiebelfisch nicht dran. Wenn es tatsächlich, wie ich kürzlich las, vergriffen ist, kann es auch von mir geliehen werden.

18.10.05

Dummes Ossi-Kauderwelsch?

Keineswegs! Wer da glaubt, das westliche "Brathähnchen" sei das begriffliche Maß aller Dinge, der irrt! Die vermeintlich vormals dummen bzw. verbal minderbemittelten weil eingezonten Ossis mit ihrem Broiler, jaja....Stöhnen und Grinsen allerorts. Doch halt! Die weltgewandten und weltbekannten Ostdeutschen hatten sich da nämlich etwas dabei gedacht, bzw. ein Herr H. oder auch der Offizier zur See mit Reise- und/oder Schwimmerlaubnis oder irgendwer sonst.
Der geneigte Leser schaue zur Beweisführung einmal ins englisch - deutsche Wörterbuch....

"Broiler = das Brathähnchen".

Noch Fragen?

17.10.05

Und gleich eine Frage hinterher

Wie lässt sich "herausfordernd" optimal steigern? Also mit höchstem Unterhaltungs- und Sinnwert? In einem Radiobeitrag wurde gerade vermittelt, dass "das Finanzministerium das herausfordernste" sei.

Wird fordern nicht unregelmäßig gesteigert - fordern, fördern, fürderhin? Damit wäre die Form herausfürderhin die erste Wahl. Das Finanzministerium ist das herausfürderhinne. Doch, das ginge.

Die beliebte Umschiffung des unregelmäßigen Komparativs mit verbalen Ersatzstoffen bedarf der Entscheidung, bei welchem Element denn der Schwerpunkt liegen solle. Am weitesten heraus fordernd? Am dringlichsten, deutlichsten, dollsten? Vielleicht muss vorher geklärt werden, wo heraus eigentlich gefordert wird. Hier hilft kein Publikumsjoker, es ist Zeit für beinharte Geschmacksdiskussion!

15.10.05

Extreme Steigerungen

...oder sollte ich sagen: "extremst gesteigertst".
Das Leben ist nicht einfach, und in einer Zeit der Superlative noch aus der Masse herauszustehen erfordert enorme Anstrengungen. Gerne wird das grammatikalische Raum-Zeit-Kontinuum verbogen, wenn es um Selbstbeschreibungen o.ä. geht.
Der Klassiker ist die Steigerung des nicht steigerbaren Anteils eines zusammengesetzten Worts. Der bestausgestattetste Herrenausstatter meint hervorheben zu müssen, dass er nicht nur am besten ausgestattet ist, sondern überhaupt - am ausgestattetsten. Wenn das ginge, liesse sich das Wörtchen am Anfang doch weglassen, oder? Hm? Eben.
Gerne auch genommen: die Steigerung von Wörtern, die bereits ganz oben angekommen sind, allerdings in einer anderen Sprache. Ich denke mal, wir haben das optimalste Ergebnis erreicht belegt die volle Konzentration auf das Ergebnis, kein Gedankengang verschwendet für sprachliche Richtigkeit. "Optimal" ist an sich schon die Angeber-Form von "das Beste", welches nicht mehr steigerbar ist. Der Katholik nennt das auch Superlativ.
Schön sind auch Mißgriffe bei der Wahl des steigerbaren Attributs, also das falsche HöherSchnellerWeiter. Hier geht der Wortspiesser vor der Glotze richtig ab, wenn er Menschen, die im Lampenfieber von höchstmöglicher Punktzahl anbrüllen kann: "Das heisst größtmöglich! Zahlen sind immer gleich hoch! Je nach Schriftgröße! Größtmöglich!"
Dann geht es ihm besser, denn er hat seine Superiorität beweisen können. Und hier sollten alle Steigerer einmal innehalten und sich ein Beispiel nehmen. Nicht die Sprache biegen, bis sie bricht, sondern einfach mal nur gut in irgend etwas sein. Oder immerhin "nicht übel". So was in der Art. Oder einfach mal die Fresse halten. So wie ich.

13.10.05

An das DB-Servicepersonal

Bei jeder längeren Zugfahrt dröhnt es durch die Lautsprecher und versetzt den überentwickelten Sprachlappen meines Gehirns in ungesunde Aktivität:

"Sehr geehrte Fahrgäste, wir erreichen in Kürze Umsteighausen. Dieser Zug endet hier..."

Mooo-ment!

Erstens sind wir noch gar nicht in Umsteighausen, wie gerade erst so treffend bemerkt. Ein "dort" wäre viel eher angebracht. Eine Lektion, die jedes Kind in der Sesamstraße von Grobi sehr unterhaltsam beigebracht bekommt.

Das ist vergleichsweise nicht so schlimm, denn zweitens endet der Zug nicht in Umsteighausen, sonst hätte der geneigte Fahrgast von vornherein einfach durch den Zug laufen können und vorne in Umsteighausen schon mal aussteigen können. Die Zugfahrt endet in Umsteighausen, verdammt! Ist das so schwer? Eine kleine weitere Silbe, und die Welt wäre eine bessere, sprachlich gesehen.

Das erste Wort

Die Idee kommt von Johannes. Ein Wort, das jeder kennt, und das dringend der offenen Debatte über Schreibform und Bedeutung bedarf.
Es geht um "fluffig". Oder vluffig, vielleicht auch fluffich. Ein Wort wie ein Wattebausch. Wie soll es geschrieben werden, was darf das Attribut "fluffig" tragen, welchen Einfluß hat die Schreibweise auf die Bedeutung?

Meine These:


vluf|fig adj elastisch, von geringer Dichte, veränderlich in der Form. Abgel.: schwer zu definieren, ohne nennenswerte Substanz. Bsp.: Diese Eierschaumspeise ist sehr vluffig geraten, er bediente sich einer sehr vluffigen Argumentationskette Syn.: sanft schaumgebremst, locker.