Wortspiesser, klassische
Beim Durchforsten meines Bücherregals bin ich über ein Kleinod des Wortspiessertums gestolpert:
"Dumdeutsch" ein satirisch polemeisches Wörterbuch von Eckhard Henscheid, Carl Lierow, Elsemarie Maletzke und Clodwig Poth.
Auf 85 Seiten bekommt man von "Abbauen" bis "Zukunftsorientiert" Wortneuschöpfungen und Neubelegungen stehender Begriffe präsentiert. Einiges hat sich mitlerweile in unsere Sprache intergriert (siehe "Frauenkultur") anderes ist unbemerkt in der Versenkung verschwunden (siehe "Doppelrentnerin"). Es gibt auch Begriffe, die grade vor dem Hintergrund einiger Enthüllungen rund um die sog. VW - Affäre wieder an Aktualität gewonnen haben (siehe "Liebesurlaub")
Einer meiner Lieblinge, grade im Zuge der laufenden Koalitionsgespräche ist folgender:
Sachzwänge Meist im Plural verwendet und in der neueren Politik, vor allem von Helmut Kohl - noch häufiger freilich in der Kommunalpolitik. Freie, vernünftige und ergo sachliche Entscheidungen werden heutzutage oft unmöglich wegen juristischer, bauamtlicher, ökonomischer und überhaupt infrastruktureller Sachzwänge, welche als Euphemismus für Unvernunft und Idiotie eben diese beiden gleichsam heiligsprechen. Wenn Politiker und Parteien etwas halt partout nicht mögen, dann fällt dessen Unterbleiben in die Kategorie der Sachzwänge. Unter der Diktatur des Sachzwangs werden Wälder und Alleen abgeholzt, Altmühltäler entschärft und prima Betonlandschaften erstellt - wobei das Zwängende oft zu den zwingensten Lösungen führt.
Bleibt abzwarten, was uns nach dem Beginn des Wiederaufbaus des Braunschweiger Schlosses als Konsumtempel und der Verunglimpfung von Harz IV Empfängern als Sozialschmarotzer zukünftig unter dem Diktat des Sachzwangs zugemutet wird... Ich schweife ab.
"Dumdeutsch" kann ich jedem Wortspiesser und allen, die es werden wollen nur wämstens ans Herz legen; da langt der Zwiebelfisch nicht dran. Wenn es tatsächlich, wie ich kürzlich las, vergriffen ist, kann es auch von mir geliehen werden.